Spielzeit:
5189 Minuten
Gothic begleitet mich seit den frühen 2000er Jahren. Das erste Mal spielte ich Gothic 1 im Jahr 2001 und verliebte mich sofort in diese Welt. Bis heute erinnere ich mich an den Moment, als ich das erste Mal den Bergpfad vom Austauschplatz hinunter zum Alten Lager lief.
Ähnlich ging es mir später mit Gothic 2. Die Erkundung von Khorinis, die ständig lauernden Gefahren und der Drang, hinter jeder Ecke noch etwas Neues zu entdecken, waren pure Magie. Diese besondere Atmosphäre konnte für mich kein anderes Spiel reproduzieren. Natürlich habe ich anschließend auch Gothic 3, die gesamte Risen-Reihe und sogar Elex gespielt. Aber keines konnte dieses einzigartige Gefühl der ersten beiden Gothic-Teile zurückbringen.
Entsprechend hoch waren meine Erwartungen, als 2019 mit dem Playable Teaser ein Gothic Remake angekündigt wurde. Ich hatte Kritik, Wünsche und Sorgen, aber vor allem Hoffnung. Nun, 25 Jahre nach meiner ersten Reise durch die Kolonie, durfte ich endlich das fertige Remake spielen.
Kann das Gothic Remake die Magie meiner Kindheit zurückzubringen?
Die größte Stärke des Remakes ist ohne jeden Zweifel die Spielwelt. Bereits die originale Kolonie war hervorragend gestaltet: relativ klein, aber unglaublich dicht und voller Geheimnisse. Jeder Ort hatte seinen eigenen Charakter und blieb dauerhaft im Gedächtnis. Das Remake hat die schwierige Aufgabe gemeistert, diese Welt zu modernisieren, ohne ihre Identität zu verlieren.
Als Veteran fühlt man sich sofort zuhause. Das grundlegende Layout wurde beibehalten, bekannte Orte sind sofort wiederzuerkennen und die Orientierung fällt leicht. Gleichzeitig wurde die Welt sinnvoll erweitert. Manche Bereiche wurden stark überarbeitet, andere ergänzt und einige nahezu unverändert übernommen. Das Ergebnis wirkt durchgehend glaubwürdig und passend. Überall warten Belohnungen für neugierige Spieler, aber ebenso Gefahren für diejenigen, die zu früh zu weit vordringen.
Besonders beeindruckt haben mich das Neue Lager, das Sumpflager und der Schläfertempel. Aber auch viele kleinere Orte wurden mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Selbst das Erkunden unter Wasser macht diesmal tatsächlich Spaß. Lange hatte ich keine Spielwelt mehr, in der es so motivierend war, wirklich jede Ecke zu erforschen.
Ebenso gelungen sind Musik und Sounddesign. Kai Rosenkranz beweist erneut, warum seine Musik untrennbar mit Gothic verbunden ist. Bekannte Stücke wurden modernisiert und erweitert, neue Kompositionen fügen sich nahtlos ein. Fast jeder wichtige Ort besitzt nun seine eigene musikalische Identität, ohne dass das typische Gothic-Gefühl verloren geht.
Auch das allgemeine Sounddesign überzeugt. Kämpfe wirken durch die Soundeffekte deutlich wuchtiger, Gewitter sind beeindruckend inszeniert und die Geräusche der Kolonie tragen enorm zur Atmosphäre bei. Einige klassische Monstergeräusche vermisse ich zwar, etwa die Warnrufe der Scavenger oder das bekannte Glucksen der Lurker, insgesamt bewegt sich das Sounddesign aber auf einem sehr hohen Niveau.
Auch bei Story und Quests hat das Remake viele Verbesserungen vorgenommen. Im Original war besonders das erste Kapitel herausragend, während spätere Kapitel deutlich weniger Inhalte boten. Das Remake verteilt Quests besser über den gesamten Spielverlauf und erweitert viele Handlungsstränge sinnvoll.
Die neuen Aufgaben reichen von Schatzsuchen über Fluchtversuche bis hin zu kleineren Nebengeschichten, die die Welt lebendiger wirken lassen. Besonders positiv ist, dass die Freunde des Helden – Diego, Lester, Gorn und Milten – stärker in die Handlung eingebunden wurden. Darüber hinaus hatte ich mehrfach den Eindruck, dass Entscheidungen tatsächlich Konsequenzen besitzen und Questverläufe beeinflussen können.
Perfekt ist das System jedoch nicht. Noch immer konzentriert sich ein großer Teil der Inhalte auf die frühen Spielabschnitte und fraktionsspezifische Quests hätte ich mir deutlich mehr gewünscht. Trotzdem stellt dieser Bereich eine klare Verbesserung gegenüber dem Original dar.
Wesentlich gemischter fallen meine Eindrücke beim Kampfsystem aus. Die Grundlagen sind hervorragend. Die Animationen sehen gut aus, die Charakterentwicklung spiegelt sich sichtbar in den Bewegungen wider und besonders auf höheren Ausbildungsstufen fühlen sich Kämpfe dynamisch und befriedigend an. Kombos machen Spaß, Ausweichmanöver funktionieren meist zuverlässig und die Kämpfe besitzen ein angenehmes Gewicht.
Leider wird dieser positive Eindruck immer wieder von technischen Problemen überschattet. Die Hitboxen wirken häufig unpräzise. Eigene Angriffe gehen trotz offensichtlicher Treffer ins Leere, während Gegner den Spieler teilweise aus fragwürdigen Distanzen treffen. Besonders bei größeren Kreaturen führte das regelmäßig zu Frust.
Auch Kämpfe gegen mehrere Gegner können problematisch werden. Bereits einzelne Treffer unterbrechen häufig die eigenen Angriffe, wodurch der Spielfluss leidet. Vor allem im späteren Spielverlauf, wenn man eigentlich einen mächtigen Helden verkörpert, fühlt sich das oft unnötig störend an.
Bei der Charakterentwicklung orientiert sich das Remake sehr eng am Original. Grundsätzlich funktioniert dieses System auch heute noch gut. Der Aufstieg vom schwachen Gefangenen zum mächtigen Krieger gehört weiterhin zu den größten Stärken von Gothic. Neue Waffen, steigende Attribute und sichtbar bessere Kampffähigkeiten erzeugen ein starkes Fortschrittsgefühl.
Dennoch hätte ich mir hier mehr Mut gewünscht. Gothic 2 Die Nacht des Raben hat viele Aspekte der Progression weiterentwickelt und verbessert. Dass diese Erkenntnisse kaum übernommen wurden, empfinde ich als verpasste Chance. Ich sehe zum Beispiel keinen guten Grund, Zweihandkampf und Armbrustschießen so spät im Spiel erst möglich zu machen.
Der größte Schwachpunkt des Remakes ist jedoch das Verhalten der NPCs.
Viele Figuren reagieren langsam, fehlerhaft oder schlicht irrational. Wachen bemerken Einbrüche teilweise viel zu spät oder verlieren plötzlich das Interesse. Begleiter laufen regelmäßig in die eigenen Angriffe und werden anschließend feindselig. Besonders absurd war ein Moment, in dem Gorn mir während eines Kampfes ins Schwert lief, mich daraufhin niederschlug und anschließend ausraubte.
Solche Situationen treten leider nicht nur vereinzelt auf. Immer wieder hatte ich den Eindruck, dass NPCs nicht korrekt auf Ereignisse reagieren oder Probleme bei der Priorisierung ihrer Handlungen haben. Dieser Bereich wirkt stellenweise unfertig und hätte zusätzliche Entwicklungszeit gut vertragen können.
Auch bei der Immersion gibt es Licht und Schatten. Die Welt selbst erzeugt häufig genau jene Atmosphäre, die Gothic einst so besonders machte. Gleichzeitig gibt es aber zahlreiche Elemente, die mich regelmäßig aus dem Spiel gerissen haben.
Besonders die sehr offensichtlichen Easter Eggs und Cameos empfand ich als störend. Einige davon wirken wie Fremdkörper und passen weder zum Ton noch zum Setting des Spiels. Hinzu kommen kleinere Inkonsistenzen bei Dialogen, Fraktionsreaktionen und Questabläufen. Keine dieser Schwächen zerstört das Erlebnis vollständig, aber sie summieren sich zu einem gewissen Mangel an Feinschliff.
Trotz all dieser Kritikpunkte bleibt am Ende vor allem eines hängen:
Ich hatte unglaublich viel Spaß mit diesem Spiel.
Das Gothic Remake ist nicht perfekt. Es besitzt technische Probleme, fragwürdige Designentscheidungen und einige Bereiche hätten deutlich mehr Polishing vertragen können. Gleichzeitig schafft es etwas, woran viele andere Remakes scheitern: Es versteht, warum Menschen Gothic lieben.
Die Welt fühlt sich nach Gothic an. Die Musik klingt nach Gothic. Die Atmosphäre ist Gothic. Und obwohl vieles moderner geworden ist, bleibt der Kern erhalten.
Als der Schläfer erneut besiegt war und die Credits über den Bildschirm liefen, lehnte ich mich zurück, lächelte und dachte genau das Gleiche wie vor vielen Jahren:
„Meine Güte, war das schön.“
👍 : 32 |
😃 : 2