Spielzeit:
691 Minuten
Mit „Gods Will Be Watching“ (= GWBW) haben wir hier wieder ein sehr interessantes, dem Indie-Gefilde entstammendes Spielkonzept das in seiner Form wohl bis dato einzigartig ist - zumindest kenne ich keines das dem hier auch nur ansatzweise ähnelt. Man könnte anhand von Screenshots vorschnell ein charmant-grobpixeliges, klassisches Point-and-Click-Adventure dahinter vermuten, doch läge man damit weit daneben. Hinter der possierlich-nostalgisch wirkenden 8Bit-PixelArt-Grafik verbirgt sich ein knallharter, unbarmherziger Sci-Fi-Thriller der mit seiner sehr dichten wie spannenden Zukunftsvision locker ein Adventure der gängigen Art füllen könnte, nur spielen im Falle GWBW Rätsel, Dialoge-Führung oder gar ein wachsendes Inventar überhaupt keine Rolle. Hier wird nicht geknobelt oder kombiniert, nein, man trifft „bloß“ Entscheidungen. Solche, die im Idealfall glücklich, im Schlechtesten tödlich ausgehen können. Für einen selbst oder für andere.
Irgendwann in der Zukunft:
Die Menschheit lebt in Zeiten galaktischer Konflikte. Die Konstellare Föderation regiert über weite Teile der Galaxis, annektiert fremde Welten und versklavt ihre Bewohner oder jeden der sich ihr nicht anschließen will. Nur wenige Separatisten-Gruppen leisten Widerstand, darunter die Xenolifer-Freiheitskämpfer, die für die Erreichung ihrer Ziele nicht vor extremen Mitteln, Terror oder gar Mord zurückschrecken. Everdusk-Mitglied Sergeant Abraham Burden wird in die Xenolifer-Zelle eingeschleust um besagte Gruppe – insbesondere ihren charismatischen Anführer Liam – aufzuhalten. Ein Auftrag, bei dem Milliarden von Leben und die Zukunft des gesamten Universums auf dem Spiel stehen. Eine Mission, die Burden mehr und mehr daran zweifeln lassen wer nun wirklich Freund oder Feind ist…
Eine sehr anspruchsvolle Handlung mit grandios geschrieben Dialogen und toll ausgearbeiteten Charakteren die GWBW auszeichnen. Besonders Burden, der geheimnisvolle Mann und unglückliche Entscheidungsträger, hat eine spannende Vergangenheit, die sich durch die verschachtelte Erzählweise nach und ergibt und mit einer dicken Überraschung zum Spielende aufwartet. Ein zwiegespaltener Grübler, der mit den Methoden Xenolifers nicht einverstanden ist, aber ihr Bestreben nach Autonomie sehr gut nachvollziehen kann und darum auch innerlich mit ihr sympathisiert. Darum steht er mit sich, seinem Gewissen und Gerechtigkeitssinn stets im Konfilkt.
Ein toller, epischer Sci-Fi-Stoff rund um Moral, Recht und Unrecht, Leben und Tod, *SPOILER* Zeitlinien und Realitäten *SPOILER*.
Obwohl die in 7 Kapiteln gehaltene Geschichte im Schnelldurchgang vielleicht maximal 5-6 Stunden Spieldauer umfasst, wird man deutlich länger daran knabbern. Wie eingangs schon erwähnt haben wir es hier nicht mit einem gewöhnlichen Adventure zu tun. GWBW ist vielmehr eine unbarmherzige Kreuzung aus Management-Simulation und Grafik-Novelle. Jedes Kapitel wirft den Spieler in eine scheinbar auswegslose Situation, wo allein Zufall, Glück und der richtige Zug (manchmal auch reines Gespür) des Spielers den Erfolg oder die Niederlage bestimmen. Beispiele:
- Anfangs gilt es eine Geiselnahme zu einem unblutigem Ende zu führen, während man selbst die Datenbank hackt um wichtige Informationen zu stehlen. Dabei müssen sowohl die Geiseln als auch anrückende Kommandos unter Kontrolle gehalten werden. Hier wird volle Beobachtungsgabe über Verhalten beider Fraktionen verlangt.
- Im nächsten Abschnitt folgt tagelange Folter, ehe Rettung naht. Hier muss die Gesundheit des Alter Egos aufrecht erhalten werden, gleichzeitig darf nicht zuviel Wissen an die Folterer gehen, sonst verspielt man sein Leben.
- Und später sitzt man mit seiner Gruppe ausgesetzt auf einem eisigen Planeten fest. Das nackte Überleben hängt hier von ausreichender Wärme vor der Kälte, genügend Nahrung, Motivationsreden und angemessenen Ruhephasen für alle NPCs ab.
Jeder Abschnitt hat seine eigene Ausgangslage, Ressourcen, Variablen und Nebenfaktoren wechseln von Kapitel zu Kapitel. Erste Anläufe enden mit größter Wahrscheinlichkeit im Scheitern, aber jeder Fehlversuch erhöht den Lernprozess und bringt den Spieler dazu seine zuvor nicht fruchtende Strategie zu überdenken, zu verfeinern... Und irgendwann, findet sich der Schlüssel zu Erfolg,
Nach eigener Spielerfahrung kann ich sagen dass GWBW simple, mittelschwere wie auch knüppellharte Kapitel abdeckt. Manche waren beinah zügig gemeistert, während ich am Rest deutlich länger zu tüfteln hatte - und auch dann nicht immer ohne Opfer auskam. Von den fünf möglichen Schwierigkeitsgraden rate ich zu welchen im Mittelfeld, der Höchste ist pures Glückspiel und bereitet nur Frust. Die schwächeren Stufen sind nicht viel weniger knackig, die Erfolgschancen fallen dafür höher aus und Gevatter Zufall dreht einen vielversprechenden Spielverlauf nicht mehr derart schnell um dass am Ende nix mehr gerettet werden könnte.
GWBW ist kein leichtes Spiel, da wollen wir uns nix vormachen. Aber das darf es auch nicht sein, denn nur so schafft es ein echtes Gefühl der Ohnmacht zu erzeugen, und dieser mündet gar in einer Art psychologischen Nervenkitzel. Frustmomente spornen zu neuen Versuchen an, und irgendwann, wenn das nicht mehr geglaubte Erfolgserlebnis eintritt, kostet man diesen Moment richtig aus.
Soviel Spaß (und hier und da auch mal Frust) mir GWBW bereitet hat, in einer Sache haben die Entwickler nicht gedacht: Übergreifende Konsequenzen, die sich aus den Ergebnissen der abgeschlossenen Kapitel ergeben. Soll heissen:
Egal ob einzelne oder gar alle Begleiter in einem Kapitel ins Gras beissen, sie tauchen im Nachfolge-Abschnitt wieder quicklebendig auf. Das beisst sich mit der Kontinuität der fortlaufenden Handlung, tote NPCs bleiben nicht tot. Wie man es richtig macht hat Telltale in "The Walking Dead" gezeigt.
Der grobe, aber schön gestaltete Pixellook ist auf seine eigene Art richtig schön. Dem wird man mir aber nur zustimmen wenn man für diese Form der Optik empfänglich ist, High-End-Fetischisten werden hier wohl eher mit der Nase rümpfen. Banausen. *g*
Der Soundkulisse beschränkt sich aufs Nötigste und verdient sich die Note "stimmig", der Score trumpft dafür richtig auf. Ein fantastischer Industial-Soundtrack wie ich ihn noch nie zuvor gehört habe. Falls jemand mit dem Kauf von GWBW liebäugelt, empfehle ich unbedingt die Collector's Edition (beinhaltet Spiel und Soundtrack). Als Hörprobe einfach mal "Self-Justified Sacrifice" auf Youtube eingeben. ;)
Fazit:
GWBW verlangt viel ab. Geduld, Nerven, einen starken Magen, Frustresistenz und den schieren Willen nicht aufzugeben. Wer all das hat und ein Spiel sucht das storymäßig überzeugt, komplexe Gruppendynamik simuliert und einem echt nix schenkt, der ist hiermit gut beraten. Und das Abschlusskapitel gibt es als kostenlosen DLC dazu.
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